http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,255265,00.html
VERSCHOLLENE BOEING
Vom Himmel verschluckt
Von Lars Langenau
Ein Kondensstreifen war die letzte Spur. Zwei Männer kapern in Angola eine
Boeing 727 und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Jetzt fürchten
Terrorfahnder, dass die zum Treibstofftransporter umgebaute Maschine zur
fliegenden Superbombe umfunktioniert wird.
Ein Flugzeug diesen Typs ist verschollen. Nach der Boeing 727
fahndet mittlerweile auch Interpol
Die Aktion war ziemlich dreist: Am 25. Mai betreten zwei Männer den
Flugzeugplatz der angolanischen Hauptstadt Luanda. Auf dem Abstellplatz
entern sie das Cockpit einer Boeing. Dort schalten sie erst einmal den
Transponder zur Radarerkennung ab. Dann starten sie die Maschine, rumpeln
über die Startbahn und fliegen los. Nachfragen und selbst Warnungen vom
Tower werden ignoriert.
Ein Kondensstreifen über dem Himmel Afrikas war die letzte Spur der mehr als
40 Meter langen, 30 Meter breiten und rund 100 Tonnen schweren Maschine. Das
in die Jahre gekommene Flugzeug wird auf einen Marktwert von rund 200.000
Dollar geschätzt. Aber eine Boeing ist schließlich keine 3er-Klasse von BMW
und kann nicht einfach mit einem gefälschten Nummernschild über die grüne
Grenze verschoben werden. Doch diese Maschine scheint wie vom Himmel
verschluckt. Und warum dieses Flugzeug gestohlen wurde - darüber schießen
die Spekulationen mittlerweile ins Kraut.
Ängste vor einem Terroranschlag
Vor allem in den USA löste ihr Verschwinden Ängste aus. Schließlich waren
Zivilflugzeuge die Waffe, mit denen die Anschläge am 11. September
ausgeführt wurden. Mit den bekannten traumatischen Auswirkungen auch auf die
amerikanische Außenpolitik.
Und dann entdeckten amerikanische Terrorbekämpfer vor einiger Zeit angeblich
einen Plan des Terrornetzwerks al-Qaida, nachdem ein mit Sprengstoff
beladenes Kleinflugzeug auf das US-Konsulat im pakistanischen Karatschi
gelenkt werden sollte. Wenn die Terroristen den Plan nun etwas modifiziert
und nun einfach ein größeres Flugzeug und ein anderes Ziel verwenden würden?
US-Ermittler und Behörden afrikanischer Staaten glauben, dass das Flugzeug
mit der Registriernummer N844AA wohl eher geklaut wurde, damit es künftig
dem Schmuggel von Drogen oder Waffen dienen kann. Vielleicht wurde es aber
auch entführt, um einen Streit zwischen Gläubigern und vermeintlichen
Eigentümern zu regeln. Möglicherweise geht es ganz banal um
Versicherungsbetrug.
Und selbst in einem deutschen Internet-Auktionshaus will ein Pilot die
Maschine für einen Verkaufspreis von 4,5 Millionen Euro entdeckt haben.
Weitere Spekulationen lauten, die Maschine sei in Somalia zwischengeparkt,
um sie für ein Attentat in Kenia einzusetzen. Das hört sich alles ziemlich
wirr und unwahrscheinlich an, da es dort wohl schon längst aufgespürt worden
wäre.
Trotzdem schließen die US-Behörden die Möglichkeit einer terroristischen
Attacke mit dem dreistrahligen Jet bis heute nicht aus. Schließlich wurde
die Passagiermaschine schon vor einiger Zeit in eine Art
Treibstofftransporter umgebaut. Und laut einem Bericht der "Washington Post"
wurde sie noch kurz vor dem Start mit fast 53.000 Liter Treibstoff beladen.
Mit dieser Fracht könnte sie tatsächlich als riesige fliegende Bombe dienen.
Kürzlich teilten US-Beamte mit, dass selbst die unzähligen Möglichkeiten von
Geheimdiensten zu keinen Hinweisen auf den Verbleib des Jets geführt hätten.
Nach Angaben von Experten ist es selbst im Zeitalter von Satelliten und
anderen hochtechnologischen Suchmethoden fast unmöglich, selbst eine
Maschine mit einer Spannbreite von 30 Metern zu entdecken, wenn zuvor zwei
einfache Regeln befolgt wurden: Man streiche die Maschine neu und verändere
die Registriernummer. Immerhin düsen von dieser frühen Boeing-Baureihe noch
mehr als 1100 Stück in allen Gegenden der Welt umher.
Sicheres Versteck im Hangar?
Es könnte aber auch sein, dass das Flugzeug in Nigeria landete, dort für ein
paar tausend Dollar den Besitzer wechselte und die Maschine nun in einem
Hangar versteckt wird, meint Chris Yates, Sicherheitsexperte des Londoner
Fachmagazins "Janes's Aviation". Das würde so schnell gehen, dass Satelliten
das gar nicht mitbekommen würden.
Außerdem, sagt Richard Cornwell vom Institute for Security Studies im
südafrikanischen Pretoria, existiere eine Radarüberwachung des afrikanischen
Luftraums eigentlich nicht. Für Piloten sei der Luftraum zwischen Süd- und
Nordafrika ein ziemliches Durcheinander. Flüge seien dort mit einem
Spießrutenlauf zu vergleichen.
Angeblich gab es den letzten Kontakt zu der Maschine mit dem Flughafen der
Seychellen im Indischen Ozean. Gelandet ist die Maschine dort aber nie,
deshalb wird auch ein Absturz für möglich gehalten.
Die Boeing gehörte einem Leasing-Unternehmen in Miami, gegen dessen Besitzer
in den achtziger Jahren wegen der Einfuhr von fast 2300 Kilo Haschisch
ermittelt wurde, berichtet die "Washington Post". Zuvor soll sich die Boeing
in Besitz von American Airlines befunden haben.
Helder Preza, Direktor der zivilen angolanischen Luftfahrtbehörde, sagt, die
Maschine sei von der nicht-staatlichen Fluggesellschaft Air Angola geleast
worden. Allerdings sei sie 14 Monate am Boden geblieben, weil die
notwendigen amtlichen Papiere fehlten, nach denen das Passagierflugzeug in
einen Tankfrachter umgewandelt werden durfte.
Seinen Angaben zufolge habe ein Amerikaner namens Ben Padilla sich einen
Monat vor dem Verschwinden der Maschine an die Behörden seines Landes
gewendet und sich als Vertreter der Leasingfirma aus Miami ausgegeben.
Dieser Padilla habe im Namen der Firma Ansprüche an dem Flugzeug angemeldet,
sagt Preza. Damit habe er kein Problem gehabt, fügt er hinzu.
Allerdings müsse Padilla 50.000 Dollar bezahlen, auf die sich die
Stellgebühren summiert hätten. Nun heißt es, dass es sich bei dem
51-jährigen Padilla möglicherweise aber um einen ehemaligen Geschäftspartner
der Firma handeln soll, der sich mit dem Unternehmen zerstritten hatte.
Darüber sei man sich anfangs aber natürlich noch nicht klar gewesen und habe
sogar noch einige Instandsetzungswünsche von ihm umgesetzt.
Kurz darauf sei die Maschine auf Nimmerwiedersehen gestartet - und auch
Padilla und sein südafrikanischer Begleiter namens John Mikel Mutantu
verschwanden auf Nimmerwiedersehen.
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